Die, die ihr Gehör los sind

Dieses Mal hat unser Schreiberling Leo etwas zu der Thematik „Gehörlosigkeit“ verfasst. Sie schildert darin ihre eignen Erfahrungen und möchte einige Vorurteile beiseite räumen…

Es ist bekannt, dass die Mehrheit der NF2-Betroffenen, früher oder später, Probleme mit ihrem Gehör bekommt. Dies kann bei jedem Einzelnen unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Fast jeder Betroffene hat in seiner Kindheit sprechen gelernt sowie Sprache und Musik über das Gehör aufgenommen, da die Krankheit in der Regel erst nach dem Spracherwerb ausbricht.

Es gibt da natürlich noch etwas, das gerne im Forum diskutiert wird. Soll ich es beim Namen nennen? Oder lieber umschreiben?

Was ist mit den Menschen, die von Geburt an wenig bis gar nichts mehr hören?

Vielleicht habt ihr es schon erraten, es geht um gehörlose Menschen. Überraschung für die, die es nicht wussten. Was ist das überhaupt, gehörlos sein? Ein recht merkwürdiges Wort, oder?
Bis vor einigen Jahren war eine ganz böse Bezeichnung im Umlauf bzw. ist es immer noch, vor allem bei den älteren Herrschaften. Taubstumm.
Ein noch merkwürdigeres Wort, wie ich finde, denn für mich assoziiert dieser Begriff eine Person, die weder hören, noch sprechen kann und wenn ich ganz ehrlich bin, auch dumm ist. Das ist wohl einer der Gründe, wieso gehörlose Menschen es nicht mögen, so bezeichnet zu werden.
Würde man „Gehörlos“ in Einzelteile zerlegen, dann wäre es klar, dass zwei wichtige Dinge in einem einzigen Begriff enthalten sind, nämlich das „Gehör“ und „los“.
Klingt irgendwie dann doch viel schöner als Taubstumm.
Ja aber was heißt das denn nun?!, denken sich diejenigen, die bis jetzt durchgehalten haben.
Als gehörlos werden Menschen bezeichnet, die VOR ihrem 7. Lebensjahr Sprache nicht richtig über das Gehör aufnehmen konnten. Das heißt also, sie sind entweder schwerhörig, resthörig oder taub zur Welt gekommen und konnten mithilfe von technischen Hilfsmitteln und unendlich vielen Stunden beim Logopäden mühsam ihren Spracherwerb aneignen und erweitern.

So. Ich würde sagen, dass es bei einem Großteil von uns nicht so gewesen ist und wenn doch, möge er mich bitte korrigieren.
Eine andere Frage ist, wieso gerade wir, die NF2-Betroffenen und mehrheitlich tauben Nüsschen, es als Beleidigung empfinden, sobald uns jemand als „gehörlos“ bezeichnet? Was ist daran denn bitte schlimm? Ist das irgendeine ansteckende Krankheit oder etwas Lebensgefährliches? Das wäre mir neu!
Einige taube Nüsschen von uns haben mit diesen Menschen schlechte Erfahrungen gemacht. So auch ich.

Was ist mir schon Lustiges zu Ohren gekommen a la „Ach die, die kann doch gar nicht richtig gebärden“ und „schaut mal, wie schnell die spricht, dass versteht doch kein Mensch!“, „Ist die doof, ey“ oder „Du bist doch gar nicht richtig gehörlos, du bist höchstens schwerhörig, also tu‘ mal nicht so, als ob du verstehen würdest, was es heißt, gehörlos zu sein!“.
Solche und ähnliche Dinge habe ich ein paar Mal zu hören bekommen. Am Anfang hat mich das verletzt, habe ich mich doch stark zurückgewiesen gefühlt. Dann gab es Momente, in denen ich froh war, hörend zur Welt gekommen zu sein. Ein anderes Leben zu kennen. Ohne Hörgeräte, Sprechübungen, Logopäden und Audiogramme. Sprache sehr gut verstanden zu haben, ohne ständig nachfragen zu müssen, ob das Gesagte wiederholt werden kann.

Ich denke jeder von uns, mit nicht so positiven Erfahrungen, hat das Gleiche gedacht, tut es immer noch oder fühlt sich deswegen überlegen.

Ich will euch nicht verurteilen, ich war selbst nicht besser, aber mittlerweile hat sich meine Sicht stark geändert. Wie es dazu kam? Ich habe verschiedene Gruppen getroffen. Schwerhörige, CI-Träger und eben auch Gehörlose. Und ich kann euch sagen, dass mir die Gehörlosen am Liebsten waren, denn nirgendwo habe ich mich diskriminierter gefühlt, als unter schwerhörigen Menschen, die sich ja so toll gefühlt haben, dass sie mit ihren Hörgeräten besser hören konnten als ich. Das Gleiche auch bei CI-Trägern. Aber wie gesagt, ich will niemanden verurteilen.

Ich lernte also das Wichtigste, die Gebärdensprache. Das war wirklich nicht einfach und hat Zeit und Nerven gekostet.
Mittlerweile kann ich mich ganz gut damit verständigen, es ist mehr so eine Mischung aus DGS (Deutsche Gebärdensprache) und LUG (Lautsprachunterstützende Gebärdensprache). Manchmal vergesse ich auch bestimmte Gebärden und benutze dann das Fingeralphabet. NF2-Betroffene wünschen sich ja, dass man bitte nicht DGS, sondern LUG oder LBG (Lautsprachbegleitende Gebärdensprache) anwendet. Völlig verständlich ist auch nicht gerade einfach.
Mit Gehörlosen spreche ich größtenteils in Gebärdensprache, aber Achtung, wer denkt, dass jeder gehörlose Mensch automatisch gebärden kann, irrt.
Der älteren Generation wurde es mehrheitlich untersagt zu gebärden, stattdessen wurden sie lautsprachlich erzogen und teilweise gezwungen von den Lippen abzusehen. Diese Unterrichtsmethode hat sich über Jahrzehnte lang durchgezogen und, es ist leider traurig aber wahr, noch heute ist das so, obwohl wir eigentlich in einem längst aufgeklärten Jahrhundert leben.

Dank neuester Technik, wie dem CI, dass sich in den letzten 20 Jahren stark entwickelt hat und immer besseren Hörgeräten, wird die Gebärdensprache an Sonderschulen für hörgeschädigte Kinder teilweise bis gar nicht angewendet und stattdessen auf die „orale“ Unterrichtsmethode gesetzt, die ich an meiner Realschule in Stegen selbst erleben durfte.

Für taube Nüsschen wie mich, deren Gehör schleichend schlechter wurde und ein CI keine Möglichkeit auf besseres Hören bot, war das einfach nur Pech. Ich musste Lippen absehen, mir teilweise alles selbst zusammen reimen oder Mitschüler nach Informationen fragen. Es ist wirklich beschämend, wie es an diesen Schulen zugeht. Zumal, dass nicht richtige Lehrer mit Erfahrung im Umgang mit  hörgeschädigten Schüler sind, sondern die gerade ganz frisch von den Regelschulen kommen, wo man kaum auf Menschen trifft, die visuell orientiert sind.

Das Wort „Behinderung“ mag ich gar nicht. Und es stimmt ja auch, dass alle hörgeschädigten Leute stark visuell ausgerichtet sind, sie müssen sich stärker konzentrieren, ihre Umwelt anders wahrnehmen, ihr Gegenüber muss klar und deutlich sprechen.

Aber zurück zum Thema.
Dass es ihnen verboten wurde, zu gebärden, hieß noch lange nicht, dass sie sich daran auch gehalten haben. Häufig kam es vor, dass in kleinen Gemeinschaften oder nach der Schule unter sich gebärdet wurde. Es bildete sich eine Gehörlosenkultur, die es so schon recht lange gibt. Sie umfasst so Vieles. Eigene Witze, Literatur, Theaterstücke, Medien, Veranstaltungen, die Gebärdensprache und und und! Es schadet nicht, einen Blick in die deutsche Gehörlosenzeitung zu werfen.
Auch gibt es mittlerweile viele prominente Persönlichkeiten, wie etwa Kassandra Wedel, Julia Probst oder Nyle DiMarco, der bei „Dancing with Stars“ gewonnen hat. Sie haben alle gezeigt, dass man ohne Gehör etwas schaffen kann.
Das wollen wir NF2-Betroffene uns ja auch gegenseitig beweisen.

Ein weiterer Streitpunkt, der im Forum gerne mal vorgekommen ist, ist Bildung.
Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben, nicht wahr? Alleine in Deutschland haben wir vier Schulformen. Dazu gibt es dann noch Förderschulen, Hochschulen, Abendschulen und Berufsschulen. Die besonders Fleißigen kommen aufs Gymnasium, das Mittelding zwischen faul und fleißig auf die Realschule, die weniger Fleißigen oder aufgrund von Lernstörungen beeinträchtigten Menschen auf die Hauptschule und die, die wirklich kein Glück haben, auf die Förderschule.

Niemand sollte, wegen seiner Schulbildung, diskriminiert werden.
Leider kommt das doch häufiger vor, als einem lieb ist und gerade bei gehörlosen Menschen ist es eindeutig so, dass der größte Teil starke Probleme mit der deutschen Rechtschreibung und Grammatik hat. Die werden dann gerne mal auf die Hauptschule abgeschoben, ohne dass deren andere Begabungen berücksichtigt werden.
Ich hab es natürlich auch anders erlebt.
Meine Realschule für Schwerhörige nahm durchaus auch hörgeschädigte Schüler auf, deren Deutsch zwar nicht das Beste vom Besten war, bei denen aber dennoch andere Fähigkeiten vorlagen, wie etwa ein gutes mathematisches Verständnis oder dergleichen. Dadurch, dass viele gehörlose Menschen keine gute Rechtschreibung haben, ist man der Meinung, dass sie schlichtweg dumm sind. Ja wirklich, ist das zu fassen?
Das kam im Forum auch recht oft vor und ich finde es erstaunlich, wie Viele dem zustimmen, die vielleicht einmal in ihrem Leben, einem gehörlosen Menschen begegnet sind und sofort über sie Bescheid wissen.
Man muss schon viel gesehen haben, um das wirklich beurteilen zu können und kann nicht alle über einen Kamm scheren.
Es gibt auch unter hörenden Menschen Arschlöcher. In jeder Kultur und in jedem Land. Ich bin kein Experte, war es nie und will es auch gar nicht sein, aber ich würde stark behaupten, dass in diesem Punkt mein Horizont etwas größer ist, denn ich habe wirklich viele gehörlose Menschen getroffen.
Es gibt sehr intelligente Menschen unter Ihnen, mit Abitur und Studium und ohne. Natürlich ist niemand dumm, der kein Abitur und Studium, sondern „nur“ die Mittlere Reife und Ausbildung vorweisen kann. Oder weniger als das. Das ist doch genauso wie bei uns!
Dumm ist für mich jemand, der von nichts eine Ahnung hat, alles glaubt, was ihm erzählt wird und in Schubladen denkt. Niemand muss mir zustimmen, jeder hat seine ganz persönliche Meinung dazu, die will ich ihm auch nicht nehmen.

„Gehörlos“ ist keineswegs eine Beleidigung, war es nie und wird es auch nie sein. Das ist nämlich typisches Schubladendenken …

Nehmt es euch nicht so zu Herzen, was ist schon dabei? Ihr könnt‘ die Person, die euch versehentlich gehörlos nennt korrigieren, indem ihr sagt, dass ihr ertaubt seid. Früher oder später sind wir alle unser Gehör los, es besteht also kein Grund, sich gegenseitig anzugreifen.

Denn eines ist gewiss: Du darfst keine Toleranz dir gegenüber erwarten, wenn du selbst nicht andere Menschen tolerieren kannst.

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