Du und ich

Ein Leben mit NF2 ist kein Zuckerschlecken. Ihre Erfahrungen mit der Erkrankung schildert Leo in  einem Brief, der sehr gut beschreibt wie heimtückisch diese ist. Zeilen, die bewegen.

Liebe NF2,

Ich möchte Dir heute einen Brief schreiben.

Du bist ungebeten in mein Leben getreten und ich werde dich nicht mehr los. Du klammerst mir ein bisschen zu viel, und nimmst mich aus wie eine Weihnachtsgans.

Wie lässt sich unsere Beziehung am Besten beschreiben?

Wir führen eine Zwangsehe, die ich so niemals wollte. Du bist wirklich der schlimmste Partner, den man sich vorstellen kann.

Du bist der Grund für meine Kopfschmerzen. Für meine Ertaubung. Dafür, dass ich mich so oft unters Messer lege oder meinem Körper medizinische Drogen zuführe.

Du bist einfach nur lästig. Wer hat dir erlaubt, mich so zu überfallen? Warum muss es dich geben? Kapierst du denn nicht, was für ein Leid du anrichtest? Nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen Anderen?

Dich zu akzeptieren ist wahnsinnig schwer. Du bist eine Zicke, mit schweren Stimmungsschwankungen. Dich wird man nicht so leicht los, denn wenn man glaubt, dass du endlich Ruhe gibst, schlägst du mit voller Kraft zurück.

Es wird für mich in nächster Zeit keine Möglichkeit geben, dich auszublenden, denn du bist gerade jetzt, nach meiner Operation, stärker präsent als je zuvor. Du verlangst mir meine volle Aufmerksamkeit ab, und ich bin gezwungen, sie dir zu geben. In der Nacht finde ich keinen Schlaf, die Schmerzen sind unerträglich. Am Tag finde ich schon eher eine Möglichkeit, damit umzugehen.

Es kostet mich Kraft und Durchhaltevermögen, nicht daran zu zerbrechen. Denn ich bin nicht aus Glas, aber auch nicht aus Stein. Erst vor kurzem wollte ich ernsthaft aufgeben. Aber damit hätte ich dir einen großen Gefallen getan. Und diese Genugtuung gönne ich Dir nicht.

Du gehörst gezwungenermaßen zu mir, aber glaub‘ bloß nicht, dass das was zu bedeuten hat. Wie es in einer Zwangsehe nun mal üblich ist, bin ich dazu verdonnert, dich und deine Launen zu ertragen. Ich frage mich dabei nicht zum ersten Mal, womit ich das verdient habe. War es Karma bzw. Schicksal?

Wenn ich von anderen Betroffenen lese, die von uns gehen mussten, macht mich das sehr traurig.
Und doch muss ich zugeben, dass du nicht immer an allem Schuld bist. Bestimmte Dinge, wie z.B. dass ich aufgrund meiner Ertaubung viele Kontakte verloren habe oder mir die Kommunikation erschwert wird, lassen sich darauf zurückführen, dass mein Umfeld größtenteils aus A-Löchern besteht.

Aber für eine Sache möchte ich Dir trotzdem danken. Durch dich habe ich einen wunderbaren Menschen kennen gelernt. Und nicht nur das. Das Forum bzw. die Teilnehmer haben mir gezeigt, dass man niemals aufgeben darf, immer weitermachen muss, sich durchbeißen, kämpfen. Ich hätte niemals gedacht, dass du positive Charaktereigenschaften besitzen könntest.

Liebe NF2, ich danke Dir für alles oder auch für nichts. Bis das der Tod uns scheiden möge.

In Liebe,

Ich

Ein Gedanke zu „Du und ich

  1. Michele Suter

    Gosh, that makes me so sad. Aber es ist wunderbar geschrieben und geht durchs Mark. Leo,deine Wörter müsste die ganze Welt lesen. Ich wünsche dir SO VIEL Kraft, bis zum Mond und zurück Sei stolz auf Dich.Mutter eines Betroffenen.

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    Antwort

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