Einfach einmal danke sagen – oder doch nicht?

Das Wort „Danke“ dürfte jeder kennen. Schaut man sich aber mal um, lässt sich das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Gerade für NF2ler oder generell Schwerbehinderte hat dieses Wort jedoch eine ganz besondere Bedeutung, über die „Balu“  nachfolgend an einem konkreten Beispiel philosophiert:

Jeder freut sich, wenn sich jemand bei ihm bedankt. Zumindest, wenn das Bedanken ehrlich gemeint ist. Genauso viel Freude macht es, sich zu bedanken, denn man ist ja in der Tat einem Anderen dankbar.

Als Schwerbehinderter ist man oft auf die Hilfe Anderer angewiesen. Damit steigt auch die Zahl der Situationen an, in denen man sich bedanken kann. Vorgestern war ich in einem Laufsportfachgeschäft und habe mich beraten lassen. Es herrschten ideale Bedingungen: Ich hatte einen freien Tag und es somit nicht eilig. Als ich den Laden um 14 Uhr betrat, war der Laden leer. Die einzige Verkäuferin kam sofort auf mich zu. Sie wirkte zunächst etwas geschockt, als ich ihr mitteilte, dass ich nichts höre und sie bat langsam und deutlich zu sprechen und ggf. auch aufzuschreiben. Wie fast immer versuchte sie, sich das nicht anmerken zu lassen. Sie gab sich sehr viel Mühe und nahm sich Zeit. Ich hatte das Gefühl, gut beraten und fair behandelt worden zu sein. Die Verkäuferin freute sich über meinen Dank und mein Lob, dass ich mit der Beratung zufrieden gewesen sei und sie auch die kommunikative Herausforderung toll gemeistert habe.

Ich erinnere mich an einen der anderen vielen Einkäufe, in denen sich Verkäufer weit weniger Mühe geleistet haben. Nach wiederholter Bitte schrieben sie sehr wenig auf – nicht ohne dabei auf eine gönnerhafte Miene zu verzichten. In solchen Situationen kann man sich leicht gedemütigt fühlen, wenn man kein gesundes Selbstvertrauen hat. Wie soll man sich in solchen Situationen verhalten? Viele Alternativen sind möglich. Die ethisch korrekte Variante wäre es wohl, sich beim Verkäufer zunächst für seine Mühe zu bedanken und ihm dann aber auch zu erklären, dass man an der eigenen Situation nicht schuld ist.  Der Verkäufer leistet dem Hörgeschädigten also aktuell keinen Gefallen, sondern passt sich nur der Kommunikationssituation an.

Würde der Verkäufer das verstehen? Macht es Sinn, eine Diskussion anzuzetteln, wenn die Kommunikation schwierig ist? Und: Ist es die Mühe und den Ärger wert? Es gilt: Der Ton macht die Musik. Wenn man solche Konfliktsituation zum Beispiel im Rahmen gewaltfreier Kommunikation lösen kann, gewinnen beide Seiten. Um dies erfolgreich bewerkstelligen zu können, ist viel Übung genauso erforderlich wie ein Verkäufer, der Verständnis für eine nötige Änderung aufbringt.

Der bequemste Weg in solchen Situationen ist es, sich emotionslos zu bedanken oder auf das Bedanken zu verzichten. Vermutlich suchen in solchen Fällen die Verkäufer nicht auf einen Fehler bei sich, sondern meist auf einen undankbaren Kunden. Dies ist durchaus verständlich, denn woher sollten die Verkäufer es besser wissen? Viele Hörgeschädigte stimmen somit also mit den Füßen ab. Wenn sie in einem Laden diskriminierend behandelt werden, gehen sie einfach nicht mehr hin.

Auch ich mache das oft so, wenn mir der Laden nicht wichtig ist und es gute Alternativen gibt. Es ist der bequemste Weg. Als Schwerbehinderter würde man seines Lebens wohl kaum froh, wenn man bei jeder einzelne Gegebenheit (und das sind täglich sehr viele), für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft eintritt. Nimmt man aber das Fehlverhalten immer kommentarlos hin, wird sich an unserer Gesellschaft nichts ändern.

Jeder Hörgeschädigte muss seinen eigenen Weg finden, Zuckerbrot und Peitsche angemessen einzusetzen. Beide Mittel können zum Ziel führen.

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