Blind Date mal anders

Einige von euch haben beim Thema „Ertaubung“  sicherlich schon mal Erfahrungen mit so genannten Dolmetschern (egal ob Schrift- oder Gebärdendolmetscher) gemacht. Auch schon mit „blinden Domis“? Unser Matti hatte kürzlich das Vergnügen, aber das erzählt er euch nachfolgend besser selbst:

Was mit Bauchschmerzen und Nervenkitzel anfing, entpuppte sich schnell als völlig unberechtigte Sorge. Aber von Anfang an…

Begann es doch recht harmlos mit einer einfachen Frage:

„Herr Bruder, möchten Sie mit blinden Menschen zusammenarbeiten, die als Schriftdolmetscher ausgebildet werden? Können Sie sich vorstellen einen Abend Rede und Antwort zu stehen?“

Na gut, zwei Fragen. Zwei Fragen, die mich noch heute verfolgen und in mir ein leichtes Kribbeln auslösen.
Gesehen hab ich sie schon oft… im Zug, Geschäft, Straße – überall!
Selbst auf meiner Laufstrecke traf ich sie: blinde Menschen!

Da kamen die zwei Fragen doch gerade recht. Schnell fügte mein Gesprächspartner noch hinzu, dass mich zwei reizende Damen begleiten würden. Da ich auf meine Antwort warten ließ…

Ein wenig mulmig war mir schon. Taub trifft Blind, klingt doch schon fast filmreif. Oder zumindest nach einem Kommunikationsproblem. Jetzt sollen blinde Menschen auch noch Schrift dolmetschen?

Puh, „verrückt“ war mein erster Gedanke.
„Wieso eigentlich nicht?“ der zweite.

Hab ich als ertaubte Person doch immer um so genannte „Schriftdolmis“ gebeten und nun habe ich die Chance, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.
Meine Antwort lautete daher

“Klar, ich bin dabei!“.

Ein paar Tage hatte ich ja noch Zeit um mir meine Gedanken zu machen. Der Tag X rückte unaufhaltsam näher und mit ihm die Anspannung. Was würde mich erwarten? Wird es funktionieren? Und wie?

Ich hatte noch keinen Vergleich, konnte mich daher auch nicht so richtig vorbereiten. Schneller als gedacht war es dann soweit. Meine zuverlässige Chauffeurin und spätere Teamkollegin wartete pünktlich am vereinbarten Treffpunkt auf mich. Bereits in der Lobby des Berufsförderungswerks Würzburg wartete die erste blinde Teilnehmerin.

Kloß runterschlucken und ganz normal vorstellen. Fast hätte ich meine Stimme verloren. Kopf noch dran, Glück gehabt. Erster Eindruck: völlig normal, wäre mir nicht der Blinden-Sticker aufgefallen.

Der Weg in den Konferenzraum war für mich gewohnt leicht zu bewältigen. Doch jetzt fiel es mir besonders auf: die blinde Person war unsicher beim Laufen. „Aber ist doch logisch“ dachte ich mir.„Ich weiß wo ich hinlaufen muss bzw. wo ist die Wand, Treppe, usw.… Ein Blinder sieht das alles nicht.“

Jetzt wurde mir die Tragweite erst richtig bewusst. Ich als sehende Person habe die Verantwortung und muss die Umgebung beschreiben. Diese Unsicherheit kenne ich, sehe ich, aber höre nichts. Kommt eine fremde Person auf mich zu, verfalle ich in eine Schutz(Schock)starre. Erst nach einer kurzen Aufklärung, die ich und der Gesprächspartner benötigen, geht es entspannter weiter.

Zurück zum Thema. Zu uns kamen noch sieben weitere Frauen und Männer. Ich war gespannt, was die nächsten zwei Stunden für mich bereithalten würden.

Als Erstes stand das Fingeralphabet auf unserem Plan. Hierzu hatte meine reizende Assistentin die Buchstaben in Lautsprache veranschaulicht. Also z.B. Das „A“  Handfläche zeigt nach vorn, Fingerspitzen zeigen nach oben  Faust bilden, den Daumen an den Zeigefinger anlegen, der dann senkrecht nach oben zeigt.

Das hat auch sehr gut geklappt, jedoch fühlte es sich für mich etwas eigenartig an, hab ich doch die Anweisungen nicht verstanden, konnte aber anHAND der Teilnehmer dann erahnen, welcher Buchstabe gerade erklärt wird.

Ein Blick in die Gesichter zeigte mir, dass diese Übung doch viel Konzentration erforderte. Wichtig ist auch, dass man keine Berührungsängste haben darf, wenn man der blinden Person auf die Handfläche „zeichnet“, so wurden zur Unterstützung die „falsch“ geformten Buchstaben von mir so „hingebogen“, dass es richtig war.

Die erste Stunde verging wie im Flug.
In der zweiten Stunde ging es hauptsächlich darum, Fragen zu beantworten und Tipps zu geben. Besonders deutlich war dieses Beispiel: Es wurde mehrmals erwähnt, dass ich die Teilnehmer „befingert“ habe, was sie mir mit reichlich Gelächter quittierten. Natürlich wusste ich es anfangs noch nicht.
Als es mir einer aufschrieb, sank mir mein Herz in die Hose, allerdings wurde dies nur als Spaß verstanden und sollte veranschaulichen, dass Schriftdolmetscher auch die Emotionen in Schriftsprache übersetzen.

Über die Frage, ob Blinde der Gebärdensprache mächtig werden, wurden wir uns aber nicht einig, da die Meinungen doch sehr stark auseinander gingen und eine hitzige Diskussion entstand, die so stark ausschweifte, dass meine überaus schnell tippende Schriftdolmetscherin das Handtuch warf. Ich verstand dadurch gar nichts mehr und wartete geduldig ab, bis alle sich wieder beruhigt hatten.

Trotz der Premiere „taub trifft blind“ war es doch eine sehr gelungene Zusammenarbeit. Das Feedback aller Teilnehmer war überaus positiv. Ich bin um eine Erfahrung reicher geworden. Zwei Stunden waren definitiv zu kurz. Durch die erstklassige Vorarbeit meiner zwei Teamkolleginnen konnte ich mich voll und ganz auf die Teilnehmer konzentrieren.
Am Ende wünschten wir allen zukünftigen Schriftdolmetschern viel Glück für ihre Prüfung und hofften auf ein baldiges Wiedersehen.

¶                                                                                 ¶                                                                          ¶

… und das geht ja bekanntlich schneller als man denkt. Wir schließen uns den guten Wünschen an und halten fest: auch blinde Dolmis können ihre Aufgabe zu aller Zufriedenheit erfüllen. Es gibt also keinen Grund für „Berührungs-“ oder sonstige Ängste. ;-).

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