Es lebe die Technik: Spracherkennungssoftware im Beruf und Alltag

Schon des öfteren einmal angesprochen ist eins der wohl größten Herausforderungen eines NF2ers wohl die über kurz oder lang einsetzende Ertaubung.  Gott sei Dank leben wir in einer Zeit, in der uns die Technik eine sehr gute Hilfe sein kann. Wie gut, beschreibt der nachfolgende Text von Valentin.

Hi Leute, auf diesem Wege berichte ich euch von meinen Erfahrungen mit dem Surface 3 Pro sowie der Software „Dragon Naturally Speaking 13“ und hoffe, euch damit weiterhelfen zu können.

Kurz zu mir: Ich bin mittlerweile 26 Jahre jung und seit zwei Jahren taub, jedoch sonst noch ziemlich fit und gesund. Nachdem ich mein BWL Studium aufgrund von NF2 abgebrochen hatte, war die Angst vor meiner beruflichen Zukunft verständlicherweise zuerst groß. Was mache ich nun? Was kann ich überhaupt machen? Wie erreiche ich dieses Ziel? Werde ich gar arbeitslos werden? Zwar wurde mir von allen Seiten mitgeteilt, ich könne so ziemlich alles machen (außer vielleicht Pilot zu werden), jedoch konnte ich mir das zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich vorstellen.

Eigentlich war mir relativ schnell klar, das sinnvollste würde es sein, irgendwo ohne zwangsläufig nötige verbale Kommunikation an einem Schreibtisch zu arbeiten. Da ich ein geselliger und kommunikativer Mensch bin, der gerne mit anderen Menschen interagiert, sieht mein Traumjob zwar anders aus, aber naja, ein bisschen eingeschränkt sind wir am Ende des Tages dann doch.

Relativ schnell, auch aufgrund von Erfahrungen/Gesprächen von und mit Bekannten sowie Verwandten wurde mir klar, dass ich in den Öffentlichen Dienst will. Genauer gesagt als Verwaltungsfachangestellter.

Nun ging der Bewerbungsmarathon los und war beim Landesverwaltungsamt in Halle endlich erfolgreich, wo ich nun mittlerweile mitten im 2. Lehrjahr bin. Doch Arbeiten ohne zu hören?! Ach komm, wie soll das denn funktionieren? So dachte ich zumindest, bis der erste Arbeitstag kam.

Bis dato konnte ich mir wirklich nicht vorstellen, wie ich „richtig“ teilhaben kann und wie ich, was für mich auch wichtig ist, meinen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann. Die ersten Wochen waren für alle Beteiligten arg stressig. Zwar war ich schon in Kontakt mit dem Arbeitsamt bezüglich Hilfsmitteln, welche mich in den Arbeitsalltag eingliedern sollten, jedoch waren diese einfach noch nicht da. So kam es, dass ich die ersten drei bis vier Wochen ausschließlich über Stift und Papier mit meinen Ausbildungsleitern kommunizierte und in dieser Zeit vermutlich über fünf Blöcke vollgeschrieben worden sind.

Das war zwar an sich kein Problem und alle Kollegen haben mir gerne etwas aufgeschrieben, wollten auch Kontakt zu mir herstellen und halten, die Umsetzung war trotzdem äußerst anstrengend.

Nun kam der Tag, an dem der Mitarbeiter eines Unternehmens, welches vom Arbeitsamt beauftragt wurde, mit einem riesigen Koffer ins Landesverwaltungsamt kam und so einiges auspackte.

Als Erstes wurde mir der „Lightwriter“ vorgestellt. Kann ich schnell zusammenfassen: Totaler Quatsch, das Gerät! Nachdem ich davon ziemlich enttäuscht war, wollte ich schnell sehen, was der Mann noch alles im Koffer hatte. Und da war sie: Meine Rettung. Die wirkliche Hilfe, um mich teilhaben und Stift und Zettel vergessen zu lassen. Ein Laptop mit Mikrophone und der Software „Dragon Naturally Speaking 13“(Anmerkung: der Link führt direkt zum Hersteller)

Aber was ist das überhaupt und was soll das bringen? Bei „Dragon“ handelt es sich um eine Spracherkennungssoftware, die ursprünglich dazu entwickelt wurde, Texte zu diktieren. Also soll die Software eigentlich den Menschen die Arbeit abnehmen, erst ewig auf dem PC zu tippen. Vom Anwalt bis zum Arzt findet diese Software schon ziemlich breite Anerkennung und Nutzung.

Wie praktisch jedoch, dass wir diese Tatsache nutzen können, um unsere Einschränkungen zu umgehen. Wie sieht mein Arbeitsalltag nun aus, mit dieser Technik? Im Endeffekt sitze ich an meinem Schreibtisch, neben mir mein Laptop und ein Mikrophone. Meine Kollegin kommt, greift zum Mikro, drückt einen Knopf zum Aktivieren und redet einfach los. Der gesprochene Text erscheint nun auf dem Display meines Laptops. Sie drückt das Mikro wieder aus, ich antworte und so entsteht ziemlich einfach eine Unterhaltung und man hat nicht mehr das Gefühl, ausgegrenzt zu sein.

Die Sprachumsetzung erfolgt nahe zu direkt und man muss wenn überhaupt nur wenige Sekunden warten. Klingt erst mal ziemlich geil, oder? Naja, ganz so perfekt ist es dann im Alltag nicht, aber es kommt oft sehr nah ran.

Der Hersteller sagt ganz selbstbewusst, dass die Erkennungsgenauigkeit bei 98% liegt. Meine Erfahrung dazu ist, dass die Erkennungsgenauigkeit sehr stark von der Person, die spricht, bzw. deren Art zu sprechen abhängt. Bei manchen Personen ist die Erkennung auf Anhieb extrem gut und bei Anderen ist man etwas verzweifelt, weil die Wörter einfach nicht richtig ankommen wollen auf dem Display.

Was muss man beachten damit der Text gut ankommt? Grundsätzlich ist die Sprachgeschwindigkeit relativ egal. Zwar dauert es dann etwas, bis der PC die Sprache durchgerechnet hat und in Text umsetzt, jedoch muss der Redende nicht unnatürlich langsam sprechen.

Wichtig ist: „bewusst“ zu sprechen. Das heißt, man muss sich im Klaren sein, dass alle Geräusche die man abgibt, von der Software in Wörter umgesetzt werden, bzw. probiert, umgesetzt zu werden. Wenn man also „äähh“ .„mhh“ macht sollte man sich nicht wundern, dass die Wörter nicht so akkurat ankommen. Es ist eine Diktiersoftware und keine „Stinknormal – Sprechen – Software“. Hochdeutsches und ein wenig überdeutliches Artikulieren ist von Vorteil und der Sprecher sollte in ganzen Sätzen reden, anstatt einzelne Wörter. Das Ganze ist etwas gewöhnungsbedürftig, jedoch hat man in der Regel sofort riesige Erfolgserlebnisse und auf Arbeit war bisher jeder Kollege sofort angefixt, wollte es selbst testen und fand das ganze „cool“.

Der Vorteil, auf Arbeit als auch Privat mit Freunden zu kommunizieren, ist gewaltig. Wichtig ist nicht nur das Funktionalität des Ganzen sondern auch die Tatsache, dass es sich in der heutigen Zeit vollkommen „normal“ anfühlt, so eine Technik zu nutzen. Es ist eher ein cooles Gimmick, als eine reine Hilfe für behinderte Menschen.

Dies ist für mich selbst auch wichtig. Ich fühle mich subjektiv gar nicht behindert, obwohl ich es objektiv natürlich bin. Ich weiß, dass viele Gehörlose z.B. das Boogyboard (Anmerkung: der Link führt zu Amazon, für nähere Infos und ggf. der direkten Bestellmöglichkeit) benutzen. Und hey klar, das ist schon praktisch und niemand will darauf verzichten, wenn er es einmal hatte. Jedoch ist es anstrengend, alles erst zu aufzuschreiben und man kann auch nicht von jedem sofort die Handschrift entziffern.

Deswegen ist es doch eine ziemlich coole Sache, wenn man statt ewigem Schreiben einfach nur die Stimme des Gegenübers nutzt, damit am Ende eine echte Unterhaltung entstehen kann. Auch mal eine sehr lange Unterhaltung, was sonst, wenn wir ehrlich sind, fast unmöglich ist, bzw. nur extrem schwer mit einem Gesprächspartner, der nicht gebärden kann.

Mittlerweile habe ich meinen Laptop de facto ersetzt und ein Tablet bekommen. Genauer gesagt ein „Surface Pro 3“ mit „i7“ und 8 GB RAM. „Dragon“ braucht gute Hardware, um gut zu funktionieren und die ist natürlich entsprechend kostspielig.

Vorteil des Surface: Ich kann es überall mit hinnehmen (nur 1 kg Gewicht) und habe das Mikrophone direkt im Gerät eingebaut. Einfach auf das Display drücken und los quatschen. Sehr geil! Andere Mikros kann man immer noch per USB anschließen, wie beim Laptop auch. Ein Surface Pro 3 ist übrigens nur optisch ein Tablet, eigentlich ist es leistungsmäßig ein PC. „Dragon“ funktioniert übrigens komplett offline.

Die Kosten für Laptop, Mikro, Surface und Software wurden freundlicherweise von der Agentur für Arbeit vollständig übernommen. Meine Freunde und Arbeitskollegen sind definitiv froh, sich mit mir per „Surface“ und „Dragon“ total easy unterhalten zu können.

Die Zeiten, in der wir uns als gehörlose Menschen ausgeschlossen fühlen und denken, nicht mehr teilhaben zu können, sind dank Spracherkennungssoftware fast vorbei. Die Technik wird immer besser und wenn die Entwicklung so weiter läuft, wird Gehörlosigkeit vielleicht irgendwann überhaupt keine Einschränkung mehr im Alltag darstellen. 🙂

Beispiel aus meinem Alltag: Mein Kumpel besuchte mich, um mit mir gemeinsam ein Fußballspiel anzusehen. Das „Surface“ steht auf dem Tisch. Er bekommt einen Anruf von seiner Arbeitsstelle, da es dort scheinbar Probleme gab. Was wäre ohne Spracherkennung passiert? Mein Kumpel hätte auf meine Frage hin, was los ist, abgewunken und mir deutlich gemacht, dass das Telefonat nicht so wichtig war. Was ist nun mit Spracherkennung passiert? Mein vollkommen gesunder (ohne Gebärdenkenntnisse) Kumpel aktiviert das Headset und redet einfach los. Er erzählte mir eigentlich wirklich ziemlich sinnlose und nicht weiter wichtige Informationen darüber, was passiert war. Jedoch sollte man sich als Gehörloser einmal vor Augen führen: Wie oft sind Infos denn nicht wichtig und irgendwie hat man sich auch dran gewöhnt, nicht alles mitzubekommen… Und wenn wir ehrlich sind, ist das eigentlich ziemlich Mist.

Und nun erzählt mir mein Kumpel, während wir gerade chillig Fußball gucken, dass die Arbeitsstelle (Kommunale Verwaltung) angerufen hat, da die Polizei einen verlorenen Hund abgab, jedoch nur zwei Minuten später ein Anruf des Halters einging und die Situation bereits geklärt war.

Im Endeffekt ist mir das in dem Moment auch relativ egal, aber hey, ich hab es mitbekommen. 🙂

Versteht ihr, was ich meine? Ich nehme wieder teil. Ich kann wieder Gespräche führen, ohne mich nur auf wichtigste Infos zu beschränken und einfach belanglos mit einem Kumpel über Gott und die Welt reden.

Falls ihr Fragen habt zu dieser Thematik, nehme ich mir gerne die Zeit alles zu beantworten 🙂 (Anmerkung: über die Kommentare zum ‚Beitrag)

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Grundsätzlich ist die hier genannte Soft- und Hardware natürlich nur ein Beispiel für eine gelungene Teilhabe durch eben genau diese. Bleibt nur zu hoffen, dass es euch auch etwas bringt und die Entwicklung auch zukünftig mit großen Schritten voran schreitet.

2 Gedanken zu „Es lebe die Technik: Spracherkennungssoftware im Beruf und Alltag

  1. Astrid Kwiatkowski

    Hallo Valentin, seeehr interessiert habe ich Deinen Beitrag gelesen. Klingt Super! Auch bei mir wird Die Kommunikation – nicht nur beruflich – immer schwieriger. Bislang konnte ich mein HG (einseitig, die andere Seite ist taub) mit einer Comfort Audio Anlage verstärken, um zb. bei Besprechungen halbwegs was mitzubekommen. Ist aber lange schon nicht mehr ausreichend. Die Software könnte da helfen und auch für die bei uns so beliebten 😦 online-Besprechungen wäre Sie vielleicht einsetzbar, müsste dazu aber irgendwie mit der Konferenzschaltung verbunden werden?? Freue mich über weitere Tipps und forsche selber mal auf den genannten Hersteller-Seiten. Aber grundsätzlich erfordern alle „Hilfsmittel“ einschließlich Dolmetscher ziemlich viel „Rede“- Disziplin der Hörenden und enorme Konzentration von mir. Das fällt nicht nur mir schwer…

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  2. Lars Kagelmacher

    Danke für die Info, war mir bislang nicht so bekannt und durchaus eine Alternative für unsereinen. Schön, dass in Sachen Spracherkennung so langsam der Knoten zu platzen scheint. Stellt sich für mich aber die Frage ob ich, sollte ich mich mit diesem System ausstatten lassen, trotzdem weiter mein Budget für Dolmetscher behalten kann, oder wird das dann hinfällig? Momentan versuch ich auch meine Kollegen/innen ein bisschen Gebärdensprachkonform zu machen, was auf viel Interesse stößt und auch schon gute Fortschritte zu verzeichnen sind. Ich denke nicht, dass Spracherkennungsprogramme die Lösung für Gehörlose im Allgemeinen ist. Bei Ertaubung und vorhandener Verbalkommunikation mag das so sein. Bei angeborener Gehörlosigkeit wird die mangelnde Lautsprachkompetenz und der eingeschränkte Wortschatz eher im Weg stehen. Da wird man nicht umhin kommen, die Gebärdensprache weiter gesellschaftsfähig zu machen. Zudem ist die CI-Versorgung bei Gehörlosen eher verpönt, weil befürchtet wird, dass die Gehörlosenkultur auf der Strecke bleibt.

    Gruß
    Lars

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