Damit können Sie wieder etwas hören

ABIGenau mit diesem Satz versuchte man mir, vor inzwischen fast 15 Jahren, ein sogenanntes ABI (Hirnstammimplantat) schmackhaft zu machen und mich bei der Diagnose NF2 bzw. der damit über kurz oder lang einhergehenden Ertaubung zu beruhigen. Das war ich für den Moment auch, aber was ist nun wirklich von diesem „Meisterwerk der Technik“ zu erwarten?


Vor dieser Frage standen schon viele, mit denen ich Kontakt hatte und die in absehbarer Zeit
ertauben würden. So richtig Raten oder gar Abraten möchte ich dabei allerdings keinem, von der Entscheidung sich so etwas implantieren zu lassen.

Denn die Risiken sind, wenn heute vielleicht auch um ein vielfaches geringer, nach wie vor da und unterm Strich steht eine aufwändige OP für einen im Vorfeld von vielen doch eher als „ungenügend“ zu bewertenden Nutzen. „Es gibt aber Patienten…“ kommt dann häufig und dann das blaue vom Himmel „… die können Sprache verstehen, Radio hören und sogar telefonieren.“ Für jemanden wie mich, für den speziell die akustische Kommunikation einen besonderen Stellenwert hat, war die Aussicht auf ein fast „normales“ Leben, trotz Ertaubung natürlich erstrebenswert.

Wenn ich mich recht erinnere habe ich auch schon gleich beim ersten einschalten des Gerätes, etwa einen Monat nach der OP und entsprechender Wundheilung, etwas gehört. Es war nicht zu erkennen was es ist, aber da war was. Vergleichbar damit, wie wenn ihr ein Radio einschaltet, kein Sender und nichts läuft, ihr aber wisst oder hört, dass das Radio an ist.

Zu Beginn wurden natürlich alle Elektroden des Implantats getestet. Gibt es unerwünschte Nebeneffekte bei der Aktivierung (z.B. Zuckungen usw.) Können über diese Elektroden Geräusche verstanden werden? Ein recht zähes Prozedere, aber eben der Anfang.

Ist dann soweit geklärt, welche Elektroden eingeschaltet werden können und es keine weiteren, medizinischen Bedenken gibt, geht es daran, das Hören quasi komplett neu zu lernen. Das gefühlt nichts mehr so klingt, wie man es mit „gesundem Ohr“ gewohnt war, habe ich ja bereits angedeutet. Für mich klingt einfach alles irgendwie mechanisch, wie eine Ansage auf dem Bahnhof… nur das Geräusche prinzipiell genauso klingen. So ging es dann daran, einfache Wörter wie „Baum“, einfache Wortgruppen wie „der Baum ist grün“ oder einfache Sätze wie „Der grüne Baum sieht blau besser aus“ zu üben, Geräusche immer wieder zu hören und zuordnen zu lernen usw. Wochenlang, Monatelang…. bis es klappt.

Bei den bis Dato regelmäßig und in Abständen von wenigen Monaten stattfindenden „Einstellungen“ tat sich in Richtung Sprache trotzdem nichts. Ich hörte ob ein Wort eine oder zwei Silben hat, ob es kurz oder lang war… konnte anhand des Zusammenhangs teilweise sogar dessen Sinn erfassen, aber davon zu verstehen, was gesprochen wurde, war ich weit weg.

Allerdings muss ich dazu sagen, dass mir das ABI auch zu diesem Zeitpunkt schon das Lippenlesen um ein vielfaches erleichterte. All die eben aufgezählten Faktoren sind nämlich auch dafür recht wichtig und so konnte ich zwar keine Sprache verstehen, aber trotzdem besser kommunizieren als zuvor. Als dann aber rund ein ganzes Jahr, seit der Implantation vergangen war, ich seither quasi pausenlos versuchte, dass hören neu zu erlernen, war mal wieder eine „Einstellung“ in der Klinik angesagt. Eine, die mein Leben veränderte, eine die alles veränderte, eine die mich bald dazu gebracht hätte, meinen „Einsteller“ zu knuddeln und zu herzen, als wenn es kein morgen gäbe. 😉

Denn als wir Wörter, Wortgruppen, Sätze usw. wie immer wiederholten, glaubte ich mit einmal das gesprochene tatsächlich verstanden zu haben. Ich war platt, denn dieser Eindruck bestätigte sich auch im späteren Verlauf und komplett anderen Sätzen o.ä. Ich konnte wieder hören!!! Allerdings muss man kein Prophet sein, um den Unterschied zwischen eines schalldichten Untersuchungszimmers, perfekt artikulierter Aussprache, angepasster Geschwindigkeit beim sprechen und der Realität auf der Straße zu begreifen. Dort lief nämlich alles wie bisher…. ich war taub und verstand kein Wort, was gesprochen wurde.

Im Laufe der Zeit und über die Jahre änderte sich das aber. Zwar fällt es noch immer schwer bzw. ist für mich unmöglich, den Menschen in geräuschvoller Umgebung zu folgen aber unter vier Augen kann ich mich fast „normal“ mit anderen unterhalten.

So gesehen gäbe es für mich keinen Grund nicht für oder gar gegen ein ABI zu sprechen. Allerdings bin ich nach wie vor auf dem Stand, dass eine Entwicklung, wie ich sie erlebt habe, bei weitem nicht der Regelfall sein muss. So soll dieser Beitrag auch im Höchstfall dazu dienen einmal aufzuzeigen, was drin ist und – trotz aller Risiken und einem vielleicht nicht unbedingt im Vorfeld zu erwartendem, ganz so erfolgreichem Verlauf – sich die Sache nochmal durch den Kopf gehen zu lassen, denn selbst wenn „nur“ das Verstehen von Geräuschen dabei rum kommen sollte, erleichtert es einiges oder erspart einem evtl. einiges, wenn man bspw. den Haustürschlüssel runterfallen hört, bevor man ihn 3 Stunden später sucht. Ob es dabei nach einem runtergefallenen Schlüssel oder nem kotzenden Einhorn klingt, ist zunächst einmal zweitrangig denke ich.

Das mich hier keiner falsch versteht… ich kann weder Radio hören, noch telefonieren und kurz gesagt fast nichts, wenn ich mich nur auf das Gerät verlasse. Im Zusammenspiel mit dem Lippen-Absehen ist mir inzwischen aber eine fast „normale“ Kommunikation möglich. Natürlich bin ich und bleibt man im allgemeinen auf den guten Willen seiner Mitmenschen angewiesen (deutliche und in Bezug auf die Lautstärke und vor allem Geschwindigkeit angepasste Aussprache, wenig oder besser keine Nebengeräusche usw.) aber unter der Berücksichtigung, das man eigentlich taub wäre, bin ich mit einer weitestgehend „normalen“ Kommunikation schon zufrieden.

5 Gedanken zu „Damit können Sie wieder etwas hören

  1. Uwe Zufelde

    Hallo, vielen Dank für den guten Beitrag. Ich stand 2000 vor der Wahl, ob ich mir so einen „Computer“ im Kopf einpflanzen lassen soll. Bis dahin und bis heute konnte mir kein Träger mitteilen, ob er noch was versteht, nicht nur hört. Ich wählte den „einfachen Weg“ und ertaubte. Heute kein Weg zurück mehr möglich. Zwar gibt es Unterschiede zwischen Gehörlosen und Ertaubten, dazu noch unsere weiteren Ausfälle, aber im Großen und Ganzen komme ich klar. Habe dafür bisschen mehr Energie für mögliches anderes Kommendes. Mehr als Ertaubt geht ja nicht.
    LG Uwe

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    1. Sebastian Autor

      Hallo Uwe,

      ich sag ja, raten oder abraten möchte ich davon keinem. Jedoch fallen, in meinen Augen, viele der oftmals vorgebrachten Argumente dagegen und zum Teil auch dafür, einfach weg… und so habe ich mich bemüht sie auch wegzulassen. 😉
      Für mich ist es ganz klar eine Steigerung der Lebensqualität. Jemand anders wird vielleicht taub glücklicher… jeder wie er denkt zu mögen 😉

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  2. Gaby

    Vor zwei Jahren ließ ich mir, nach langem Überlegen ein ABI auf der linken Seite setzen. Es musste nochmals das nachgewachsene Neurinom entfernt werden und so war diese OP ein Versuch wert. Rechts trug ich ein starke Hörgerät und kann bis jetzt, wenn auch immer schlechter, noch Gespräche mit meinem Gegenüber einigermaßen verstehen. Leider bekam ich bei der Anpassung so starke Ausfälle, dass es nicht mehr ratsam war, das ABI weiter zu versuchen. Leider. Vielleicht war das Hörzentrum einfach schon zu lange nicht mehr in Aktion. Bei einem Gespräch wurde mir mitgeteilt, dass man noch einmal versuchen könnte, das ABI ein wenig zu versetzen. Aber garantieren, dass es doch noch funktioniert, das konnte man mir nicht. Ob ich es noch einmal wagen würde? Ich weiß es nicht. Wenn, dann vielleicht rechts? Aber wie gesagt, ich habe gerade keine Ahnung und hoffe einfach sehr, dass ich noch ein Weilchen hören kann..

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    1. Sebastian Autor

      Hallo Gaby…

      dafür, das du noch laaange hören kannst, drücken wir dir natürlich die Daumen. Das der erste Anlauf so schlecht gelaufen ist, tut mir wirklich leid für dich, aber wie ich schon geschrieben habe… bei mir war der Verlauf quasi genau gegensätzlich und entscheidend sind die Chancen, die einem so ein ABI eröffnet. Ich finde es bewundernswert, dass du den Mut für einen zweiten Anlauf nicht verloren hast und drücke dir dafür natürlich alle Daumen!! Berücksichtigen müsste man dabei wieder viele Faktoren, die wir Aussenstehende nicht kennen. Aber das wird der jeweilige Arzt schon einzuschätzen wissen und dich entsprechend aufklären.

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